Nach der Krise ist vor der Krise: Landwirtschaftspolitik neu denken

Die Corona-Pandemie offenbart die Verwundbarkeit des derzeitigen globalen Ernährungssystems, das von der industriellen Landwirtschaft dominiert wird. Bald könnten wieder Bilder von halb leeren Supermarktregalen im Internet zirkulieren, diesmal nicht wegen Hamsterkäufen, sondern aufgrund der unterbrochenen Produktionsketten, sowie Exportverbote von diversen nationale Regierungen und den fehlenden Feldarbeiter*innen. Das Problem wird in den kommenden Monaten nur noch deutlicher, wenn es an Hopfen, Spargel und anderen Lebensmittel fehlt, denn wie soll etwas im geerntet werden, dass nie gesät wurde?

Die zunehmenden Rufe aus konservativen Kreise für schnelle Geldspritzen für Bauern und Bäuerinnen, um die Nahrungsmittelsicherheit Europas zu sichern, klingen verlockend, zementieren aber die globale Ungleichheit. Schon heute müssen zwei bis drei Kleinbetriebe pro Tag in Österreich schließen, weil es sich schlichtweg im globalen Wettbewerb für sie nicht mehr ausgeht. Kleinere Höfe bedeuten aber nicht nur Vorteile für die Umwelt, denn es werden weniger Pestizide und Dünger genutzt und damit auch gesündere Lebensmittel produziert und ein schonender Umgang mit Natur und Ressourcen, sondern sind auch ein wichtiger Faktor für besseren Tierschutz durch verbesserter Tierhaltung.

Der heutige Tag des kleinbäuerlichen Widerstandes soll uns daran erinnern, dass etwas in der Produktion unserer Lebensmittel sehr schief läuft. Wir profitieren von ausbeuterischen Arbeits- und Besitzverhältnissen, fördern Agroindustrie und große Saatgutkonzerne und setzen Feldarbeiter*innen, indigene Völker, Landlose und kleinstrukturierte Familienbetriebe unter immensen (Preis)-Druck. Dabei sind Kleinbauern und -bäuerinnen das Rückgrat unserer Gesellschaft, denn sie produzieren 80 % der globalen Lebensmittel.

Ja, es braucht in der Krise eine rasche Unterstützungen für Bauernbetriebe. Das bedeutet auf europäischer Ebene eine Vorauszahlung der Förderungen durch die Instrumente der gemeinsamen europäischen Agrarpolitik (GAP) und Steuererleichterungen. Langfristig braucht es aber eine Neufokussierung und Förderung der nachhaltigen, kleinstrukturierten und regionalen Landwirtschaft, insbesondere kleinstrukturierte Bauernbetriebe und Bergbauernhöfe. Weg mit Subventionen nach Hektargröße, her mit einem ökologischen und sozialen Förderungskatalog für ein widerstandsfähiges und langfristig klimaschonendes Ernährungsystem mit kurzen Lieferketten und faire Produktions- und Arbeitsbedingungen für alle. Erst dann ist unser Lebensmittelproduktion und unsere Ernährung krisenfest.